Schuh schaut Schach: Improve Your Chess Calculation

Eine Rezension von IM Dirk Schuh, Juni 2022

Die richtige Variantenberechnung ist der wichtigste Aspekt im Schach, da sind sich wohl alle Schachspieler einig. In jedem Zug gilt es, mögliche Taktiken zu finden, oder, wenn es keine gibt, darauf hinzuarbeiten. Aber wie trainiert man die richtige Variantenberechnung?

Auf den einschlägigen Seiten erfährt man als unerfahrener Spieler, dass man viele Taktikaufgaben lösen soll. Das ist ein sinnvoller Tipp, aber mehr erfährt man dann schon nicht mehr. Also setzt man sich hin, meldet sich zum Beispiel bei Lichess an und löst eine Aufgabe nach der anderen. Oft wird dabei einfach der erstbeste Zug eingetippt, der einem am besten gefällt. Mal hat man recht, mal ist die Lösung falsch.
So löst man mal eben 50 oder mehr Aufgaben, wundert sich dann aber nach einigen Wochen oder Monaten, dass man sich immer noch nicht verbessert hat. Man hat es halt versucht, vielleicht sind hier Hopfen und Malz verloren und man hat zu wenig Schachtalent, um noch besser zu werden. Diese Geschichte habe ich so schon sehr häufig gehört.

Der nächste Zug ist immer der Schwerste

Das Problem an der richtigen Variantenberechnung ist, dass es sehr viele Ebenen gibt, auf denen man stagnieren kann, wenn man diese nicht trainiert.
Bei Taktikaufgaben beginnt es mit den Kandidatenzügen. Statt den erstbesten Zug zu ziehen oder sehr weit zu verfolgen, bis man ihn sich schön gerechnet hat, sollte man erst einmal alle konkreten Züge erkennen und sammeln. Das sind die Züge, die ein Schach geben, die Züge, die etwas schlagen und die Züge, die etwas drohen oder bedrohen. Dann sollte man zwar den Zug, der einem am besten gefällt, durchrechnen, aber wenn dieser nicht zum Erfolg führt, ist er vielleicht nicht richtig und man berechnet den nächsten und so weiter.
Ziehen sollte man erst, wenn man alles für sich selbst und den Gegner berechnet und eine klare Lösung gefunden hat. Auf diese Weise wird man wahrscheinlich nicht mehr soviele Taktikaufgaben lösen können, aber sich eine Systematik erarbeiten, die auch in den eigenen Partien hilfreich sein wird.


Ohne Training wird das alles nix

All dies und noch viel mehr wird jetzt in dem Buch „Improve Your Chess Calculation“ vom indischen Großmeister und bekannten Schachtrainer Ramesh RB aus dem Hause New in Chess vertieft. Der Autor hat schon viele indische Titelträger aufgebaut und kennt sich aus. Das Buch beinhaltet harte Arbeit, aber ohne diese kann man seine Variantenberechnung auch nur schlecht verbessern.

Neben den oben genannten konkreten Kandidatenzügen, denen er noch das Motiv des Bauernhebels hinzufügt, geht er auf alles ein, das bei der Variantenberechnung wichtig ist oder falsch laufen kann. Er geht auf die Analyse in sehr konkreten und etwas ruhigeren Stellungen ein, zeigt auf, wie man seine Visualisierung verbessert, um auch längere Varianten zu berechnen, ohne dass die Figuren vor dem geistigen Auge verschwimmen und garniert das mit vielen Beispielen aus seiner Trainerpraxis, die teils recht frisch sind und nicht schon in zig Büchern verwendet worden sind.

Ein wichtiger Teil seines Trainings ist auch das Lösen von Endspielstudien. Das fördert die eigene Kreativität, lehrt Endspiele und zeigt einem vor allem, dass man auch teils einfach wirkenden Stellungen noch Gewinnmöglichkeiten finden kann, wenn der Gegner seine Figuren nicht optimal koordiniert. Einige davon sind auch in dem Buch zu finden.

Der Schwierigkeitsgrad der zu lösenden Stellungen ist schon recht happig. Man muss sich wirklich zwingen, die Stellungen in Ruhe zu berechnen und die Zeiten, die der Autor dafür veranschlagt, richtig zu nutzen, sonst scheitert man an den Nuancen. Der unterste Schwierigkeitsgrad soll für Leute ab 1200 Elo konzipiert sein, aber ich würde es eher Leuten ab 1500 oder 1600 empfehlen.
Wie der Autor aber auch ehrlich schreibt, muss für ihn das Training härter als die eigentliche Schachpartie sein. Wer, wie ich, zu den Stellungen im ersten Kapitel noch nicht den besten Zugang findet, dem sei aber gesagt, dass spätere Kapitel einfachere Aufgaben bereithalten. Ich fand vor allem die vielen Studien einfach und gut, hatte da aber vielleicht auch einfach mehr Motivation, weil ich sowas sehr mag.

Insgesamt ist dies ein hartes Arbeitsbuch zum Thema Variantenberechnung, das, wenn man es ernsthaft durcharbeitet, die eigene Spielstärke signifikant verbessern sollte. Ich kann es jedem Schachspieler ab einer DWZ von 1500 wärmstens empfehlen!

IM Dirk Schuh, Schachtrainer

Das Buch ist erhältlich unter anderem bei Schach Niggemann.

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Olaf Steffens

Ich bin FIDE-Meister seit 1997 und spiele seit 2007 für Werder Bremen. Größte Erfolge: Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002. Größte Misserfolge: Werd´ ich hier lieber nicht sagen! Diplom-Handelslehrer, ich unterrichte an einer Bremer Berufsschule Englisch, Buchführung und Wirtschaft. Lest weiter hier: https://veganeschachkatzen.de/ueber-mich/

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