Mit dem Bratzhammer

Der ukrainische Großmeister Andrei Volokitin feierte schon früh in seiner Karriere internationale Erfolge, war mit 19 unter den Top 20 der Welt und gewann mit seinem Land unter anderem die Olympiade in Calvià, Spanien 2004. Viele kennen ihn auch aus seinen Bundesliga-Gastspielen unter anderem für Turm Emsdetten und den SV Hofheim, wo er auch für seinen taktischen Spielstil gefürchtet war.

Bei der Europameisterschaft 2001 in Ohrid/Mazedonien kam es in seiner Partie gegen den Franzosen Igor Nataf zu dieser komplexen Stellung:

Volokitin – Nataf: Brettumspannendes Manövrieren

Ein Sveshnikov-Abspiel, in dem man erst nach tiefem Buddeln an die gegnerischen Schwächen kommt. Nataf mannövrierte sich nun langsam in Richtung weißer König, während die weiße Mannschaft den Bauern d6 und damit die Basis der schwarzen Stellungsgefüges unter Druck setzte. Aus all diesem entstand einige Züge später:

Der Bauer d6 ist nicht mehr da, die weiße Königsstellung aber auch nicht

Schwarz hat eine Qualität gewonnen, wenngleich das bei den über das ganze Brett verknäuelten Figuren nicht leicht zu erfassen ist (so zumindest ging es mir …).

Wer aber steht besser – immerhin hängen der Springer f3 und der Turm b6? Beide jedoch lassen sich offenbar mit 36… Le6-g4 zugleich gut decken, und der Computer möchte sogar mit 36….Le6-d5! oder dem schrillen 36… Sf3xh2! 37.Lxh2, Th6-f6 38.Df2-e1, Le6-h3 direkt gewinnen.

Wer aber soll kurz vor der Zeitkontrolle alles sehen? Und wenn man es sieht – wer soll einschätzen, ob es wirklich auch geht? Nataf zumindest spielte den sicheren Zug 36….Lg4.

Taktik entscheidet ja die meisten Partien auf die eine oder andere Art, und so ist es auch hier. Volokitin, dem Abgrund glücklich entkommen, aktiviert nun mit 37.Tf1-d1 seinen Turm und droht Matt, das kann nicht ganz verkehrt sein.
Nataf, der sich trotz Materialvorteil unbehaglich gefühlt haben mag, deckte seine Grundreihe mit 37….Dh5-g5, was die Dame jedoch eng an das Feld d8 fesselte. Weiß nutzte das zu dem Nadelstich 38.Lg3-f4!, um nach 38…. Dg5-e7 mit dem Bratzhammerschlag 39.Df2-c5! fortzusetzen. Oh my God!

Df2-c5!

Und da sitzt man nun als Schwarzer, und muss sich mit so einem Gefummel auseinandersetzen. Und das auch noch kurz vor der Zeitkontrolle!

Was soll Schwarz spielen?

Mehr von Andrei Volokitin in Zusammenarbeit mit dem ukrainischen IM Vladimir Grabinsky auch in Perfect Your Chess (viele Kombinationen, tolles Buch!)

Olaf Steffens

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1 Comment

  1. Kein Grund zur Panik, außer 40.Dxe7 droht Weiß ja nichts – Schwarz hat einen Läufer der das Mattfeld c8 deckt. Damenverlust kann man mit Matt überkompensieren – Weiß hat nur einen Läufer, um das Mattfeld h2 zu decken – für ihn zu wenig.

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