Werderdrei: Auf nach Hannover

Wir hab’n den Fuß am Gas und die Mode fest im Griff
Uns entgeht kein letzter Schrei, unser Outfit hat den neusten Schliff

(Falco, Helden von heute)

 

Ups! Wäre da mehr drin gewesen in diesem Mannschaftskampf, schaut man sich alle Partien an? Hannovers Lister Türme jedenfalls, die starken Absteiger aus der starken Bundesliga Zwei, empfingen uns zur ersten Oberliga-Runde, und es entwickelte sich ein kleines Nordderby auf unerwarteter Augenhöhe.
Das Ergebnis nach sechs Stunden: ein sehr knappes 5:3 für Hannover.

Ganz kurzfristig mussten unsere Kapitäne Gennadiy und Max das Werder-Lineup noch umformatieren, am Sonntagmorgen fiel leider Daniel Chitsatzian aus (wir wünschen gute Besserung!), was zum eiligen Austausch von Textnachrichten, Telefonanrufen, eilig ausgelöffelten Müslischalen und einer neuer Aufstellung führte. Sowie zu der Notwendigkeit, durch verschiedene Automobilfahrten Henry Engelhaupt aus Bremen mit nach Hannover zu bekommen – hat aber alles geklappt!

Die organisatorische Betriebstemperatur war dadurch schon früh erreicht, und das muss ja gar kein Nachteil sein an so einem Tag. Hannover hatte auch wunderbaren Kaffee organisiert und Wasser, so dass einem freudigen Schachtag nichts mehr im Wege stand. (Leider gab es keinen Zucker für den schönen Kaffee – da sinkt meine Spielstärke doch gleich dramatisch. Auch wenn Kaffee ohne Zucker natürlich erheblich gesünder ist als mit.)

Werder3 saß mit vier veritablen Neu-Einsteigern und einigem schicken Werder-Outfit am Brett: Nikita Nechitaylo, neu im Kader und ehemals bei Lister Turm, Nazar Tarasenko, neu im Kader und vor Kurzem noch Schachfachkraft bei Kaponier Vechta, Edward Bundan, neu bei uns und ehemals beim SV Osnabrück, und besagter Henry, bei seiner Premiere in der Oberliga, immerhin Deutschlands dritthöchster Spielklasse. Er bekam es sogleich mit Tim Sauer zu tun, dem deutschen U16 Vizemeister 2025.


Nazar und Henry mit viel Fokus!

Und wie lief es dann? Gar nicht schlecht! Peter Lichman feilte gegen IM Dennes Abel an einem dynamischen Lichman-Königsinder, Nikita hatte Feldvorteile gegen IM Stefan Walter, und Max lag gegen Felix Hampel sogar mit zwei Bauern vorne, bei allerdings dynamischer Kompensation für seinen Gegner. Auch ich kam nach einer murkeligen Orang-Utan-Eröffnung (und ohne Zucker im Kaffee – das war hart) immer besser ins Spiel und konnte Christian Polster auf unbekanntem Terrain überraschen.

Zunächst aber eröffnete Nazar die grün-weiße Punktejagd mit einem Remis der Stärke gegen Jan Helmer. Leider geriet bald darauf Peter mehr und mehr in die Defensive, Dennes Abel hatte alles sehr deep vorbereitet und allerlei kraftvolle Züge, Pläne und Wendungen nur so aus dem Ärmel geschüttelt. Da kommt kein Lichman-Königsinder gegen an – die Führung für Hannover.

Allein, es gab ja noch sechs weitere Bretter, an denen es teils ganz schmuck aussah für uns! Edward trug gegen David Höffer viele Züge versiert vor und schneiderte gegen den strahlenden Gewinner des Hans-Wild-Triathlons 2026 ein aussichtsreiches Endspiel aufs Brett – mit Freibauer und Läuferpaar. David allerdings ist stets für überraschende Konter und unerwartetes Gegenspiel gut und gefürchtet, und so entschied sich Edward, der Partie mit einem Remis einen stabilen Ausklang zu geben.
Ebenso Gennadiy – im Spiel mit Johannes von Mettenheim hatte unser Spitzenmann einen gennadiyschen Mehrbauern herausmanövriert und machte sich beständig an dessen Verwertung. Es sah schon sehr vielversprechend aus, indes auch hier – ungeahnte Wendungen, unabsehbare Konter, und so willigte Gennadiy im Sinne der Sicherheit lieber ins Unentschieden ein – man weiß ja nie. 2,5 : 1,5 für die Listigen Türme.


Starke Züge an Brett Eins!

Auch Henry war drauf und dran, sein Match mit Tim Sauer in den Remishafen zu steuern, es fehlte nicht mehr viel für ein schönes Ergebnis! Am Ende war das Turmendspiel doch schwerer einzuschätzen als geahnt, ein attraktiver Turmtausch entpuppte sich als trügerisches Irrlicht, und Hannover sammelte den zweiten Sieg ein. Wenngleich nur knapp.

Meine eigene Partie hatte sich bis hierhin gut entwickelt, und zu meinem Erstaunen gewann ich in einer turbulenten Mischung aus taktischen Tricks, übersehenem Turmverlust und heftiger gegnerischer Zeitnot Christian Polsters Dame. Das allein hätte wohl nicht zum Sieg gereicht, denn Christian bekam seinerseits Turm und Läufer dafür, und jagte nun meinen letzten versprengten Bauern nach. Ein Remis war sicherlich in Reichweite, allein eine weitere massive Zeitnot mit unübersichtlichen Schachdrohungen ließen das Spiel zu meinen Gunsten kippen. Ging da nun noch was, im Mannschaftskampf?

Leider hatte sich hier bereits Maxens Partie in eine unglückliche Richtung entwickelt. Felix Hampel stellte mit viel Erfindungsgeist immer wieder neue Drohungen auf, Max geriet mehr und mehr in Zeitnot, und wie das so ist – eine Qualität ging weg, und später auch die Stellung. Ein schlagkräftiger Vortrag von Felix, dem amtierenden niedersächsischen Meister, stärkster Spieler landauf landab.


Der berühmte Blick in den Turniersaal

Das Match war verloren, Hannover lag mit 4,5:2,5 vorne. Nikita drückte weiterhin gegen Stefan Walter, und hatte mittlerweile einen sehr stabilen Mehrbauern herausgewirtschaftet. Alles bestens! Alles bestens? Es scheint nicht unser Tag gewesen zu sein, und ebenso nicht der Tag der technischen Vorteilsverwertung. Ist ja auch schwierig! Ich bin eher der Letzte, der so etwas kann, und selbst Nikita strauchelte in der sechsten Spielstunde, so dass seine Partie nach vielen Stunden Vorteil mit einem sicherlich enttäuschenden Remis zu Ende ging.

Was bleibt? Wir haben zum Auftakt mit einem sehr jungen Werder3– Team bestens dagegengehalten gegen die Hannoveraner Türme, das war beeindruckend. Auch wenn wir keinen Mannschaftspunkt verbuchten, wir bleiben dran. Und dann wird das schon! 🙂

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Die Nordwestlichste Oberliga im Spiegel der Zahlen

Olaf Steffens

FIDE-Meister und Spieler für Werder Bremen in der Zweiten Bundesliga, Oberliga und Landesliga. Größte Erfolge: Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, Bremer Pokalsieger 2013 und Bremer Meister 2025! Sieg mit 1.b2-b4 gegen GM Sergei Tiviakov beim Jersey Open 2019 Lest weiter hier: https://veganeschachkatzen.de/ueber-mich/

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