Was gibt’s zu erwähnen vom Open in Bremen?

Eines der wenigen Open, das zwischen Weihnachten und Silvester in den bundesdeutschen Grenzen stattfinden konnte, war das Bremer Silvester-Open (BSO) – unglaublich. So gut wie überall blieben aufgrund hoher Corona-Inzidenzen die Pforten geschlossen, und dicke Balken verbarrikadierten den Zugang zu den geschätzten Turnierklassikern in Paderborn, Bad Schwartau, Hamburg oder Erfurt.

Glück für alle, die rechtzeitig einen der 120 Plätze in Bremen gebucht hatten – hier durften die Bretter ausgepackt und Figuren bewegt werden. Und was für Bretter waren das!
In guter Kooperation mit den SF Wilstermarsch bei Itzehoe hatte das exzellent organisierende Exekutivkommittee des Silvester-Opens sechzig digitale Bretter nebst würdevollen Holzfiguren die Elbe hinab, durch die Deutsche Bucht und die Weser hinauf geschifft, so dass bereits ein Tag vor Weihnachten den Turniersaal schachlich geschmückt werden konnte.
Und das hieß – alle Partien live im Netz übertragen bis hinunter an das letzte Brett, ein Standard, den man sonst ja nur von den weltweiten Blitzmeisterschaften in Dubai kennt. W.o.w.


Das Exekutiv-Kommittee des BSO: Jens Kardoeus, Schiedsrichter Dirk Rütemann, David Kardoeus   (Foto: OSt)


Anlanden der digitalen Bretter am analogen Kai in Bremen-Hemelingen       (Foto: OSt)


Für mehr Sicherheit im Turnierareal                                  (Foto: OSt)

Breit gefächert die Provenienz der Teilnehmer, die sich aus weit entfernten Landen ins Bremische aufmachten. Holländer waren dabei, der junge FM Mees van Osch zum Beispiel, der mich in Leer schon ausgetänzelt hatte, dazu ein Däne, Berliner, einige BajuwarInnen, und alle waren froh, froh, froh, irgendwie wieder die Figuren bewegen zu können.
Ich auch! – obschon mein Gesamtergebnis am Ende nur so semi-großartig war. Aber nun ja – nächstes Mal dann besser … Nirgends lernt man so viel wie auf Turnieren.

Spielort war das Achat-Hotel im Bremer Zentrum, mit einem wohltuenden Ambiente im Inneren, gedimmten Lichtern, hübschen Möbeln, Tannenbaum. Im Turniersaal hieß es natürlich „Maske auf“, bis man an seinem Brett saß, und ZuschauerInnen waren nicht zugelassen. Und im Hause bot man Piacetto Café feil, den ich bisher noch nicht kannte: Per la grande gioia di un piccolo momento. Prima!

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Gerade noch lustig, bald schon fort? Das Pfauenauge, stark gefährdet, durch rabiates Landwirtschaften           (Foto: OSt)

„[Bei LIDL] Im schwäbischen Neckarsulm scheint man erkannt zu haben, dass heute die Weichen gestellt werden müssen, wenn man auch in Zukunft noch Obst und Gemüse verkaufen will. Die Initiative [LIDL Lebensräume] setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen: So werden Blühstreifen bei Lieferanten und Produzenten gerade auch für die Wildbienen und anderen Insekten angelegt. Das alleine wäre nichts Besonderes, wenn es kleine Einzelaktionen wären. Aber die Bilanz ist schon erstaunlich: Über 2,1 Mio Quadratmeter (Stand 2018) wurden bereits realisiert. […]

Ziele sind nach Angaben von Lidl die Erweiterung des Nahrungsangebotets für nektar- und pollensuchende Insekten wie Wildbienen, die Verbesserung der Nistmöglichkeiten für Insekten sowie die Schaffung von Rückzugsflächen für den ungestörten Aufwuchs von Feldhasen, Rehkitzen, Rebhühnern und anderen Vögeln zu bieten. Gleichzeitig soll der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln deutlich reduziert werden.

Ob die im Verhältnis zur landwirtschaftlich genutzten Fläche sicherlich gering erscheinende Anzahl an Quadratmetern einen tatsächlichen Mehrwert für Insekten stiftet, ist freilich fraglich. Dass aber bei großen Global Playern wie Lidl mit weltweit 260.000 Mitarbeitern jetzt doch ein Umdenken in Sachen Artenschutz einsetzt, […] lässt hoffen.

Die Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels könnte einiges in Bewegung bringen, das von der immer müden Politik bisland nur halbherzig angegangen wurde.“

aus: Volker Angres, Claus-Peter Hutter, Das Verstummen der Natur – Das unheimliche Verschwinden der Insekten, Vögel, Pflanzen – und wie wir es noch aufhalten können, Ludwig Verlag 2018


Werktätige Hummel in der Rhön                             (Foto: OSt)

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… und ZuschauerInnen waren nicht zugelassen.

Sonst aber, es fühlte sich an wie ein Open aus alten Tagen, sieben Runden an vier Tagen, das übliche volle Programm und fokussierte Eintauchen in eine Art Schachtunnel, aus dem ein Verlassen erst nach der letzten Partie so langsam wieder gelang. Getting high on calculation.

Moment jedoch … vier Tage abtauchen für einen Acht-Stunden-Tag am Brett – ganz ohne Vergütung? Da könnte man bei der Turnierorganisation doch auch gerne mal über eine Grundentlohnung für Spieler nachdenken.

Ohne uns Denktätige, die vor Ort die Arbeit tun und aus den sich im Minutentakt verändernden Stellungen neue Züge schürfen, käme auch bei den fabelhaftesten Open die Produktion neuer Partien zum Erliegen. Alle Springer stehen still, wenn Dein rechter Arm es will? Darum, zum Wohle der an den Brettern brütenden Belegschaft – freier Kaffee bei Schachturnieren! (Gerne mit Milch aber, und mit etwas Zucker.)

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Suchspiel für Bremen-Kenner: Entdecke den Unterschied!


Anreise am zweiten Turniertag        (Foto: OSt)


Anreise am dritten Turniertag             (Foto: OSt)


Anreise zum letzten Turniertag              (Foto: OSt)

Liebe ExpertInnen, was fällt auf? Lösungen bitte vertrauensvoll im Kommentarbereich eintragen!

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Mein Ergebnis in Bremen war im Prinzip nicht ganz schlecht, nicht ganz verkehrt – aber nur im Prinzip.
Tatsächlich verlor ich nach einem prima Start noch einige Ratingpunkte, erst durch einen kapitalen Klopfer im Spiel mit Collin Colbow, dem späteren Turniersieger (wir berichteten, Dxf7 und dann matt, jaja …), und dann gegen den mutig voranspielenden Christian Goldschmidt aus Dortmund-Brackel:


Partiedarstellung mit Dank an Chessbase


Die letzte Partie des Vormittags alleine auf dem Beamer                     (Foto: OSt)

Gegen Christians Schachschüler Jona Bungarten (ebenfalls Brackel) bekam ich in der letzten Runde die Chance zu einer Art von Revanche „Werder gegen Dortmund (Brackel)“, lief aber auch hier am Ende aufgrund von allerlei Unzulänglichkeiten verdient auf Grund:

  • maue Zeiteinteilung und Abrutschen in Zeitnot
  • ein Klassiker: gut stehend, versuchte ich Jonas Gegenspiel vorsorglich einzuhegen, bevor es losgeht. Genau durch diese Übervorsicht ermöglichte ich dann aber genau dieses Gegenspiel
  • schlechtes Variantenrechnen und fehlender Glaube an die eigene Intuition (was auch die Zeitnot verhindern würde)
  • Nervenflattern im 30-Sekunden-Modus und letztlich
  • verpasste Remis-Abwicklung

Starke Performance von Jona, cool gespielt – aus dem Mann wird noch was!
In Bremen gewann er mit 5 aus 7 Punkten den Preis für die höchste Platzierung im Vergleich zur Nennliste („Durchstarter-Preis“), und entführte dabei auch einige meiner schwer erarbeiteten ELO-Punkte in den Pott.
Da seine DWZ bei rund 1950 liegt, seine ELO aber bei bedauerlichen 1650, war der ELO-Verlust bei mir umso höher. Doch wie sagt man so schön – wir spielen Schach ja nicht wegen der ELO! (haha, hahaaah).


Steffensen – mit Tiger, aber ohne Intuition  (Foto: Jakob Kardoeus)

Mein allgemeiner Ratingtrend scheint immerhin, wenn man es so nennen will, intakt … erst minus 70 Punkte in Kiel, nur noch minus 20 in Leer, jetzt minus 5 in Bremen – je weiter südlich, desto besser werden offenbar die Ergebnisse!
Aber wie weit südlich muss ich noch reisen, um mal etwas dazuzugewinnen? Der Weg zur Weltspitze, er scheint noch weit.


In weiter Ferne, so nah                        (Foto: OSt)


Ergebnismeldung bei Imperial Chess: Collin Colbow und Turnierdirektor David Kardoeus

FMs boven – am Ende der sieben Runden im Bremer Schachtunnel sah man folgende Platzierung:

  1. FM Collin Colbow, Werder Bremen, 6,5 Punkte
  2. Nikolas Wachinger, Werder Bremen, 6 Punkte
  3. FM Christoph Dahl, SG Grün-Weiß Werder Dresden, 5,5 Punkte
  4. FM Mees van Osch, SV Mülheim-Nord, 5,5 Punkte
  5. FM Klaus Schmitzer, SK Münster, 5,5 Punkte

Beste Frau: Lepu Coco Zhou, SC Weisse Dame Berlin
Bester Senior: Hartmut Porth, SG Bargteheide
Bester Jugendlicher: Jan Pubantz, SF Hannover
Beste Performance: Jona Bungarten, SF Brackel

So also ist es Vergangenheit, das Silvester-Stallone-Open 2021. Schön war es, dabei zu sein!

Das Silvester-Open 2022 bei Imperial Chess (Turnierseite)


Assistenz-Schiri Sascha Abel bahnt die nächste Runde an              (Foto: OSt)

Bremen, alte Heimat der Loriot-Sendungen  (Foto: OSt)

Time becomes your currency (nicht nur beim Schach)

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Olaf Steffens

Ich bin FIDE-Meister seit 1997 und spiele seit 2007 für Werder Bremen. Größte Erfolge: Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002. Größte Misserfolge: Werd´ ich hier lieber nicht sagen! Diplom-Handelslehrer, ich unterrichte an einer Bremer Berufsschule Englisch, Buchführung und Wirtschaft. Lest weiter hier: https://veganeschachkatzen.de/ueber-mich/

Und sonst so?

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5 Comments

  1. Mit Schwung hetzte ich zur Kommentar-Funktion, um meine Kenntnis über die farbvertauschte nimzowitschierung zu Protokoll zu geben.

    Doch – oh weh – Gott sei’s geklagt!

    Umumba ist hier.

    Ich bringe dann wenigstens zum Besten, dass das satanarchäolügenialkohöllisch.e 50.Lg6 im Goldschmidt’schen Ringen mich nachhaltig entzückt und sogleich verwirrt hat. Kompromissloses Spiel auf Sieg, nicht zu Bremsen, auch von sich selbst nicht…

    • Ja, Umumba hat schon die neuesten Erkenntnisse dargebracht, und das Parkplatz-Open 2006 hat da sicherlich Maßstäbe gesetzt. Sxc2 war ein echter Schocker – fand ich schwer, mich davon zu erholen, und es war eine starke Ansage von SF Goldschmidt.

      50.Lg6 – ja, hätte ich mal lieber nicht! Die Computer sagen, es wäre sonst ok und remis … selber fand ich es die Stampede von schwarzen Bauern auf dem Weg zur Grundreihe so unheimlich, dass ich dachte, ich müsste was tun, Gegenspiel und so. Ging aber nach hinten los – und wer weiß, alles noch ein Echo auch von … Sxc2!

      Grüße an alle GeckOs!

  2. @Olaf: Wie es scheint, hast du in Kiel Mengenrabatt auf die 70 bekommen – die offizielle Auswertung weist nur -53 aus (oder zählt eine Niederlage im Lokalderby doppelt?).
    Immerhin deutet der Trend darauf hin, dass bereits in Verden die Grenze zwischen Elogewinn und -verlust erreicht sein könnte; aufgrund der kleinen Stichprobe ist diese Schätzung aber mit einer großen Unsicherheit verbunden.
    @Umumba: Das ist aber sehr bedauerlich, dass eine Partie solch hochklassiger Spieler nicht für die Nachwelt festgehalten wurde.

    • Ei, da bin ich froh – ich hatte für mich irgendwie -70 abgespeichert. Vielleicht bei der DWZ? Aber so oder so, massiv, massiv. Ich hoffe auf den Gegentrend … 🙂

  3. Der Einschlag mit Sxc2 steht mit vertauschten Farben aber schon im fast 30 Jahre alten 1..:Sc6! aus allen Lagen und wurde u.a. auch in der leider nicht aufgezeichneten Blindpartie Abel-Höffer, Parkplatz 2006, angebracht.

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