Unterstützt den Randsport Fußball!

Heute ist es soweit  – die Fußballmeisterschaft im sommerlich heißen Europa beginnt! Nun ist Fußball ja schon seit langem der schüchterne kleine Bruder des Schachs, und als solcher durchaus kurios, was die Spielidee anbetrifft – man läuft bei diesem „Sport“ mit einem Ball umher und schießt ihn in einen Kasten.

Diese eigenartige Balltätigkeit konnte selbstverständlich bislang noch nicht das Medieninteresse erlangen, den unser königliches Spiel spätestens seit Magnus Carlsen und Emanuel Lasker innehat. Trotzdem möchten wir helfen, dem aufstrebenden Fußballsporte unter die Arme zu greifen und ihn aus seiner stiefmütterlichen Existenz zu befreien. Gerne verlinken wir daher auf Anfrage der UEFA (das ist der Europäische Verband der Fußballer – ja, auch so etwas gibt es) hier bei den Veganen Schachkatzen zum Turnier der Fußspezialisten, welches offenbar heute abend beginnt.

Sogar, so hörten wir mit Erstaunen, wird eine deutsche Équipe zur Turnierteilnahme geschickt, elf Spieler an der Zahl, dazu offenbar ein eigener Trainer, ein Busfahrer und noch einige Betreuer mehr für die ersten Begegnungen gegen Frankreich, Ungarn und Portugal.
Selbst einen Pressesprecher gibt es, der den Journalisten sagt, was sie schreiben sollen – ein gutgemeinter Service bei diesem fremdartigen Spiel.

Allein, wir wissen, dass ein Sport kein Publikumssport werden kann, wenn das verehrte Publikum elf Spieler zugleich im Auge behalten soll, die alle auch noch zur selben Zeit über einen riesigen Platz eilen. (Hinzu kommen noch elf gegnerische Spieler.)

Wie ungleich zuschauerfreundlicher ist da doch unser schöner Schachsport – beide Spieler scharen sich um ein überschaubar großes Brett, und sie laufen auch nicht in kurzen Spurts mit Bällen durch die Gegend. Alles ist hübsch rational beim Schach, und es leuchtet unmittelbar ein, dass es dadurch für Zuschauer aller Altersstufen deutlich einladender und weniger kraftraubend ist, wenn sie nicht elf, sondern nur vier Akteuren folgen müssen – so wie bei den Spielen unserer Schach-Nationalmannschaft.

hsv

Der Hamburger Schachklub hat mit dem HSV im HSK sogar eine eigene Fußballsparte –
                                  kommerziell ist diese aktuell leider aber nur wenig erfolgreich

Trotz aller Marketing-Bemühungen des DFB („Deutscher Fußball-Bund“) steht aber zu befürchten, dass auch diese Meisterschaft im schönen Europa in den einschlägigen Medien (Weserkurier, Chessbase, Schach-Ticker, Chesspearls from the Bodensea) gar nicht oder, wenn es ganz schlecht läuft, kaum repräsentiert sein wird. Fußball ist und bleibt offenbar ein Randsport, wie so viele Sportarten in Deutschland, die trotz erheblichen Engagements von der breiten und sportinteressierten Masse eher als exotisch wahrgenommen werden.

So haben beispielsweise die deutschen Handballsportler (eine Disziplin, bei der man einen Ball in die Hand nimmt, um ihn in einen Kasten zu werfen) vor einigen Jahren sogar einen weiteren internationalen Titel ins Land geholt – die SG Flensburg-Handewitt gewann gegen den THW Kiel im Finale der Champions League! Aber ach, all diese Mühen waren vergebens, denn was taten die deutschen SportfreundInnen in Ost und West? Man sah sie draußen in den Gärten sitzen und Schach spielen, sogar trotz einiger Regenschauer, und die Handballsportler wurden elegant ignoriert.

In Deutschland hat die Liebe zum Schachsport offenbar eine unerschütterliche Basis – die Fans möchten keine Bälle, die über einen Rasen gerollt werden, nein, das sporthungrige Publikum will seine Großmeister am Brett sitzen sehen und fordert die sizilianische Eröffnung, gefolgt von einem gepflegten Königsangriff, bei dem die Figuren nur so hin und her geopfert werden. Auch ein flottes Turmendspiel über mehrere Stunden, bei dem man minütlich die Luft anhalten muss, um es rein nervlich überhaupt durchstehen zu können, lockt die hiesigen Sportfreunde seit jeher verlässlich vor die Bildschirme.

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Das wollen die zahlenden Fans sehen – Dramatik am Schachbrett schon nach wenigen Zügen

Und so werden wohl auch bei der heute beginnenden Fußball-Europameisterschaft die Schachlokale wie immer prall gefüllt sein mit Anhängern des königlichen Spiels, die nicht etwa einem Fußballer wie Thomas Natürlich haben Sie gelacht Müller beim Laufen zusehen wollen – nein, sie möchten dabei sein, wie der norwegische GM Simen Agdestein im intensiven Hybridschach gewinnt, oder (demnächst) Baden-Baden den 225.deutschen Meistertitel holt. (Agdestein, der Exot – dereinst war er norwegischer Nationalspieler im .. Fußball (!), doch schon bald kam er wieder zurück auf den Pfad der Tugend und widmete sich, so wie es sich gehört, dem Schachsport.)

Es ist eine harte Wahrheit, doch auch davor wollen wir uns hier bei den Veganen Schachtatzen nicht verschließen – im schnelllebigen Nachrichten-und Unterhaltungsgeschäft wird der Fußballsport mittelfristig keine Chance haben. Zu unüberschaubar allein die Anzahl der Spieler auf dem Platz, und zu stark die Konkurrenz durch Turnierschach, Blitzschach, mithin Onlineschach, und ja, sogar durch das altehrwürdige Problemschach.
Doch wer möchte, kann ja mal reinschauen und zur Abwechslung, aus Neugier, Langeweile oder Solidarität heute einmal Fußball gucken. Es soll dem Vernehmen nach ganz kurzweilig und leicht verständlich sein, doch ist das natürlich kein wesentliches Kriterium für einen attraktiven Zuschauersport.
Die erste Begegnung heute abend wird ausgetragen zwischen der Türkei und Italien. Die Partie beginnt mit dem sogenannten Anpfiff um 21 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Doch welch ein Unglück für den Fußballsport– ausgerechnet um diese Uhrzeit sitzen die meisten von uns wohl gerade fröhlich beim Zoom – Vereinsabend!

sepp maier 1974 - r.engelhardt

In einigen Ländern haben es Fußballer sogar schon auf Briefmarken geschafft: hier ein Motiv eines „Torhüters“ aus dem Jahr 1982. Der dargestellte Fußballer heißt Sepp Maier – nicht zu verwechseln aber mit FIDE-Meister Falko Meyer vom Oberligisten SK Norderstedt. Foto: R.Engelhardt

Olaf Steffens

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4 Comments

  1. Ja, schräg, schräg, vier Tore von Portugal geschossen, und dennoch haben sie verloren? Da sind die Schachregeln ja viel einfacher zu verstehen, auch weil es da kein semi-passives Abseits gibt wie beim ersten Tor der Portugiesen.

    Das mit dem „Tor des Tages“ in gleich zwei Varianten ist natürlich hübsch. Da sieht man, wie facettenreich dieses Fußballspielen ist. Im Schach haben wir solche Sprachspielräume noch nicht – brauchen wir eine kreative Arbeitsgruppe? Sonst läuft uns der junge Sport am Ende noch den Rang ab.

  2. Anscheinend gibt es beim Fußball auch noch sprachliche Feinheiten zu beachten: „Das Tor des Tages“ ist etwas anderes als „Der Tor des Tages“.

  3. Und jetzt auch noch merkwürdige Regeln im Fußball: Deutschland schießt gegen Frankreich das einzige Tor und verliert 0-1. Portugal schießt gegen Deutschland vier von sechs Toren und verliert 2-4.
    Das verstehe wer will. Ich hatte im Schach schon diverse Unfälle im Laufe der Jahrzehnte, aber ich habe noch nie meinen eigenen König matt gesetzt.

  4. Erschwerend kommt noch hinzu, dass völlig uneinheitlich ist, wie viele der 11 Bretter beim Fußball in die Wertung eingehen – mal sind es 2, mal 3, mal nur eines, manchmal sogar kein einziges, in seltenen Fällen gar mehr als 11 (!).
    Übrigens sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Torkil Nielsen (der bekanntlich bei den Schacholympiaden 1982, 1984 und 1988 mit den Färöer-Inseln antrat) auch im Fußball Nationalspieler war.

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