Schwarz und Weiß wie Tage und Nächte: Bruno Ganz

Bye Bye Bruno Ganz: der Schweizer Schauspieler und große Charakterdarsteller hat uns vor nun fünf Jahren verlassen und ist, wer weiß, weitergezogen in ein anderes Universum.
Oft steigerte er mit seiner verschmitzten Präsenz, viel Charisma und einer etwas knorrigen Jovialität die Intensität der erzählten Geschichten, und es reichte oft schon, seinen Namen in der Besetzungsliste zu sehen, um neugierig zu werden auf einen Film.

Nun ist er nicht mehr da, leider, und schon jetzt ist eine Lücke zu spüren. Einer, der das Gute und ebenso das Böse verkörpern konnte, ist gegangen.

Wir sind hier zwar ein Schachblog, doch unser Spiel symbolisch für so vieles ist, schreiben wir auch mal über etwas von außerhalb der 64 Felder und vier Brettkanten.

Bruno Ganz – heißt es nicht, ein Bild sagt mehr als tausend Worte? Und wenn das so ist, wie viel müssen dann erst bewegte Bilder aus dem Filmschaffen des Künstlers sagen können? Einiges, das steht fest, und bevor wir nachher (versprochen!) doch noch zum Schach kommen, hier drei kleine Clips aus den letzten fünfzig Jahren:

a) Bruno Ganz in „Der amerikanische Freund“ (1977)

Ganz alte Bundesrepublik!

Dennis Hopper wohnt in den 1970er Jahren irgendwo fischmarktnah in Hamburg an der Elbe, und überredet einen sterbenskranken Freund – Bruno Ganz! -, für ihn jemanden zur Seite zu räumen für einiges Geld. Ein leicht anrüchiger Auftrag natürlich, und vermutlich sogar unmoralisch, doch heyhey, es ist ein Film, und wir als Schachspieler sind anrüchige (Remis-)Angebote und derbe Tricks ja auch vom Schachbrett her gewohnt.

Eine rauhe Geschichte also, von Patricia Highsmith erdacht, von Wim Wenders verfilmt, und aus heutiger Sicht vielleicht ein wenig slow in der filmischen Umsetzung. Aber das macht ja nichts, es ist großes Kino, und die Geschichte spitze. Ein Highlight von vielen: der Trans-Europa-Express, rotweiß, als geplanter Schauplatz eines gar finsteren Verbrechens.

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b) Der Himmel über Berlin (1987)

Zehn Jahre weiter, wir kommen nach Berlin. Wie wir Schachspieler wissen, würde schon in wenigen Jahren mit Vladimir Kramnik ein noch relativ unbekannter, wenngleich schon damals sehr großer russischer Schachfreund in die Hauptstadt kommen und für Empor Berlin (cooler Name!) in der Bundesliga punkten.
Noch aber ist die Grenze dicht, und im öden Niemandsland zwischen Ost und West begann wiederum Wim Wenders einen Film zu drehen.

Zwei Engel schauen sich das Treiben der Menschen in Berlin an, schweigen, staunen, fühlen mit – Otto Sander mit rauchiger Stimme und Bruno Ganz in langen Mänteln, die ebenso grau sind wie über weite Strecken auch der Film. Aber „Der Himmel über Berlin“ hat Herz und Wärme, und das nicht zuletzt durch Peter Falk, der als amerikanischer Schauspieler einen Film dreht und offenbar irgendwie Engel wahrnehmen kann. Oder bildet er es sich nur ein, und was meint dazu eigentlich der Imbissverkäufer?

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Und die Engel? Verlieben sich, einer zumindest, und werden neugierig darauf, wie es wohl wäre, nicht mehr Engel zu sein, sondern ein Mensch – und sterblich. Ob das eine gute Idee ist?

 

c) Schwarz und Weiß wie Tage und Nächte (1978)

Willkommen zurück, liebe Schachfreunde, jetzt geht es wieder um den Sport unseres Vertrauens!

Wir sehen eine große Bühne, zwei Meister spielen eine Partie, der eine Sowjetrusse (die rote Fahne weht auf seinem Tisch), der andere Bruno Ganz, dem der Regisseur Wolfgang Petersen hier die weißen Steine und eine deutsche Nationalität gibt. Einiges Publikum verfolgt das Match im Theatersaal, intensiv tickt die Schachuhr, und anders als heute trennen nur ein paar freie Sitzreihen, jedoch kein schallsicheres Glas die Fans von ihren Helden. Offenbar hat der deutsche Spieler geopfert und stürzt sich mit seinen Figuren – Springer, Läufer, Dame! – nun auf den russischen König, der offenbar schon etwas benommen zwischen der e-und der c-Linie hin und her taumelt.

„Fragment of ‚Schwarz und weiß wie Tage und Nächte‘ (film produced in 1978 by Wolfgang Petersen and starring by Bruno Ganz). After 20.Bf4!!, Qxa1 21.Qd3+ Kc8 22. Nxa8, Qxb2 23.Qc2 +!!, World Champion Koruga resigns because 23…Qxc2 24.Nb6# (This game corresponds to game played in 1974 between Rafael Vaganian and Albin Planninc in the Hastings tournament).“   (Zitiert nach Pepgalobardes, www.youtube.de)

Bruno Ganz spielt hier nicht nur eine schöne Angriffspartie, er erweist sich zudem als Meister der non-verbalen Kommunikation und schüchtert seinen Gegner mit allen nur erlaubten Mitteln ein: Herumtigern nach jedem Zug, Rauchen, Rauchen, Rauchen, im Rücken des Gegners umhergehen, und – damit würde er bei Jürgen Kohlstädt und allen Schiedsrichtern des Landes heute nicht mehr durchkommen – mehrfaches Ziehen im Stehen und OHNE Notation der Züge. Verheerend!

Wir verstehen indes, dass dies der Dramatik der Szene sehr zuträglich ist, und wollen daher nicht murren. Ein Kleinod aus der Abteilung „Schach im Film“ – intensiv und spannend, und höchste Zeit, diese Szene hier zu zeigen.

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Weltklasseschach im Film

Der furiose weiße Angriff ist angelehnt an die Partie Rafael VaganianAlbin Planinc, Hastings 1975. Der jugoslawische/ slowenische Großmeister erweist sich wie so viele Jugoslawen/ Slowenen (und Holger Hebbinghaus) als Meister des taktischen Fachs. Planinc hat zwar schon die Welt für einen wilden Angriff geopfert, nur ist der weiße König noch nicht Matt.

Schwarz am Zug – was sollte er tun? Die Lösung findet Ihr im Film!

Schwarz und Weiß wie Tage und Nächte – der ganze Film bei Youtube

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„In Interviews gab sich Ganz meist bescheiden. Selbst nach mehr als 100 Filmrollen und unzähligen Bühnenauftritten machte sich der über 70-Jährige noch Sorgen um seine Karriere, äußerte Angst davor, keine altersgerechten Rollen mehr zu bekommen. Dem Magazin Bunte sagte er 2010, gefragt nach seinem Lebenswerk: „Ich habe mir Mühe gegeben, und vieles hat geklappt.“ Stolz sei er vor allem darauf, „den Vernichter Alkohol“ besiegt zu haben. Nach jahrelanger Abhängigkeit habe er sich an die Anonymen Alkoholiker gewandt und seine Sucht überwunden.“

Carolin Ströbele, Der Überirdische (www.zeit.de am 16.Februar 2019)

„In […] „In der weißen Stadt“ von 1983 schaut Ganz als Schiffsmechaniker auf Landgang am Tresen einer Lissabonner Kneipe erst aufmerksam, dann irritiert, dann grinsend auf eine Uhr, die rückwärts läuft. „Aber nein“, berichtigt ihn die Barfrau, die kurz darauf seine Geliebte werden wird, auf Französisch, „elle marche juste“, die Uhr läuft richtig, „die Welt läuft falsch“.
Jetzt ist sie wieder einmal falsch herum gelaufen, und wir haben nur noch Aufzeichnungen und Erinnerungen an diesen freundlichen, schmerzlich nachdenklichen, anmutigen Künstler.“

Jürgen Kaube, Die Welt läuft falsch (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 17.Februar 2019)

Arrivederci, Bruno!

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(Zuerst erschienen bei Schach-Welt.de, 2019)

Olaf Steffens

FIDE-Meister seit 1997, seit 2007 Spieler für Werder Bremen in der Zweiten Bundesliga, Oberliga und Landesliga. Größte Erfolge: Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002, Bremer Pokalsieger 2013! Größte Misserfolge: Werd´ ich hier lieber nicht sagen! Diplom-Handelslehrer, ich unterrichte an einer Bremer Berufsschule Englisch, Buchführung und Wirtschaft. Lest weiter hier: https://veganeschachkatzen.de/ueber-mich/

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