Mein Beitrag zur Schachgeschichte

Ein Blick … in die Vergangenheit!

Noch nicht lange her, da waren Anish Giri und ich im schönen holländischen Städtchen Delft. Im Januar 2009 fand dort kurz nach dem Jahreswechsel und bei Schnee und Eis ein intensives Schachopen statt – mit einer Partie am Freitag abend, drei Runden (!) am Samstag und zwei weiteren am Sonntag.

Delft mag trotz des Delfter Porzellans auf Anhieb nicht so bekannt sein wie Den Haag, das mit seinen Hochhäusern und dem Internationalen Strafgerichtshof gleich um die Ecke liegt, und wie das rauhe Örtchen Scheveningen, Schachspielern weltweit vertraut durch ein besonderes Abspiel in der Sizilianischen Eröffnung.


Wurde hier die Scheveninger Variante entdeckt?

Dort in Scheveningen findet man einen gewaltigen wunderschönen Strand, tolle alte Hotels, heißen Grog, und wenn man sich dann noch beeilt und so wie ich im Dunklen nicht auch noch verfährt, kommt man gerade noch rechtzeitig wieder zurück zur ersten Runde des Delfter Opens.

Im Teilnehmerfeld tummelten sich neben dem späteren Sieger GM Dimitri Reinderman und Erik van den Doel auch der schon damals sehr junge Anish Giri. Mit 14 Jahren hatte er Anfang 2009 gerade ein Super-Turnier in Wijk und durch einen Sieg in der C-Gruppe seine dritte GM-Norm erspielt. Was ihm zum Titel „Jüngster Großmeister der Welt“ noch fehlte, waren nur noch ein paar Elo-Punkte zum Überspringen der 2500er-Schallmauer.
Was lag da näher, als gleich nach Wijk das nächste Turnier in Delft zu spielen? Und wie es das Schicksal so wollte, wurde er dort schon bald gegen mich gelost. Ich verlor bitterlich – aber durch die ELO-Punkte, die Anish (auf dem Open und) in dieser Partie gewann, machte er seine GM-Norm perfekt!

Wenn ich also auch sonst schachlich nicht mehr viel Besonderes in meinem Leben zustande bringen sollte – mir bleibt als Trost, dass Anish Giri durch die ELO-Punkte, die er mir abnahm, zum jüngsten Großmeister der Welt wurde. Das möge er sein, mein kleiner Beitrag zur Schachgeschichte.

Hier die Partie kostenfrei zum Nachspielen:

 

Zugegeben – keine SEHR lange Partie gegen den sympathischen Holländer!, aber – auch Magnus Carlsen hat ja in einer späteren Partie gegen Giri (Wijk 2011)  in ungefähr genau so vielen Zügen aufgeben müssen (immerhin noch ein kleiner Trost im Nachhinein).


Keine Probleme für Anish

Anish Giri konnte seinen Titel „Jüngster Großmeister der Welt“ nicht auf Dauer verteidigen. Im Oktober 2009 war es der US-Amerikaner Ray Robson, der ihm nach knapp 8 Monaten den Titel abluchsen konnte.
Giri dagegen, dessen Eltern aus Nepal und Russland stammen, schickt sich als mittlerweile 16-jähriger an, in der Holländischen Nationalmannschaft, beim SK Emsdetten in der Bundesliga und bei der diesjährigen Ausgabe von Wijk a Zee weiter internationale Erfahrung zu sammeln (aktuelle ELO: 2686 im Januar 2011).
Was er dabei so erlebt, dokumentiert er auf seiner spektakulär fünfsprachigen (!) Homepage anishgiri.nl/ auf Holländisch, Japanisch, Nepalesisch, Russisch und Englisch. (Danke an Dennis Monokroussos für den Hinweis in seinem Blog thechessmind !)

Schauen wir also mal, was wir von dem jungen Holländer noch so hören werden!

PS Bevor ich es vergesse – den Schlusszug in der oben gezeigten Partie spielte Giri mit dem eleganten, vorgroßmeisterlichen 23.Te7-e8+ . Ich gab sofort auf, denn nach dem folgenden Turmabtausch auf e8 oder f8 hängt meine Dame auf h3!

Noch ein PS Haben die ehrbaren LeserInnen ähnlich historische Erlebnisse mit den Großen des Schachzoos? Schreibt doch mal – vielleicht können wir hier eine kleine Sammlung für Off-topic-Schachgeschichte starten.

Zuerst erschienen auf www.schach-welt.de am 18.Februar 2011

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Olaf Steffens

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4 Comments

  1. Einen vergleichbaren Beitrag kann ich nicht anbieten, aber dafür die Anmerkung, dass in der Partie Giri-Steffens …Txf4 nicht so richtig eine Drohung ist – aus den gleichen Gründen wie in der Partiefortsetzung…

    • Ja, aber nur wenn Weiß dann nach Txf4 auch die richtige Antwort findet 🙂

      Man muss ja versuchen, was man kann, alle Tricks und so ….

  2. Na Olaf, ich habe gleich zwei Stories zu späteren Weltklassespielern mit kurzen Nachnamen, in anderen Rollen:

    Als Jugendleiter meines südhessischen Heimatvereins: in Griesheim bei Darmstadt gab es kurz nach der Wende in Osteuropa ein internationales Jugendturnier. Gewonnen hat, vor 16-18 jährigen, ein 10-jähriger Ungar, der ein Kissen auf seinem Stuhl brauchte um das Brett zu erreichen. Später ist er gewachsen, körperlich und elomäßig. Das war Peter Leko.

    Als Reporter in Wijk aan Zee: Auf dem Weg zum Fährhafen Texel nahmen mich Arbeitskollegen im Auto mit. Sie meinte: „Mein Vater ist Lehrer an einer Schule in Delft. Sie hatten da einen exotischen Knirps, der ständig frei haben wollte um irgendein Schachturnier zu spielen. Die Schule akzeptierte das eher widerwillig.“ „Ja den kenne ich, heute treffe ich ihn, es hat sich gelohnt.“ Den Namen hat Olaf bereits erwähnt.

    P.S.: In Münchner Schnellturnieren spielte ich nie gegen Leonardo Costa (nur gegen einige seiner jungen Vereinskollegen aus dem Südosten im Südosten). Aber der hat ja auch einen zu langen Nachnamen und man muss abwarten, wie er sich weiter entwickelt.

    • Hübsche Geschichte über Anish!, und dass Du ihn am selben Tag dann auch getroffen hast.

      In Delft war Giri trotz seines jungen Alters die Engine des Analyseraumes nach den Runden. Die Holländer schauten ihre Partien an, und immer wenn sie nicht ganz sicher waren, ob ein Opfer geht oder wie die Stellung einzuschätzen ist, riefen sie „Hey Anish, was hältst Du von dieser Stellung?“ Dann ein kurzer Blick des Kleinen, und schon war die Sache geklärt 🙂

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