Nach Annexion: Bremer Schachverband tritt Russland bei

Als letzten Montag die Russen kamen, war ich gerade auf dem Weg nach Hause. Nach einer mühevollen, aber immerhin gewonnenen Pokalpartie bei der Bremer SG freute ich mich auf ein Bier und mein Bett – doch daraus wird bekanntermaßen nichts, wenn die Russen vor der Tür stehen. Woher nur hatten sie meine Adresse?

Tatsächlich erschienen die Soldaten zu dritt und warteten bereits am Hauseingang auf mich. „Volksabstimmung, Towarisch“ raunte mir einer von ihnen schon im Treppenhaus verschwörerisch zu. Aber vielleicht verstand ich ihn auch nur falsch, denn sein Gewehr machte ein lautes Geräusch, als es melodisch gegen das Treppengeländer ratterte.

In der Wohnung musste ich erst einmal einen Wodka mit ihnen trinken, dann kamen sie zu ihrem Anliegen. Wladimir, offenbar der Anführer der kleinen Spezialoperation, der Kommissar, oder wie man im Schach sagt, der Mannschaftsführer – Wladimir also eröffnete mir in kurzen Sätzen etwas über „Annexion“, „Bremen Referendum“ und „Beitritt zur Russischen Schachföderation“.


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Was sollte das? Ich verstand, wie schon so oft in meinem Leben, nur Bauernhof. Oder Bahnhof? Dennoch reagierte ich einsichtsvoll, proaktiv und ergebnisoffen, denn Igor, einer der drei, groß und bärtig, war gerade dabei, die Blumentöpfe von unserer Fensterbank zu schießen. Kein Wunder, dass die Nachbarin schon an die Tür klopfte. Es war bereits nach zehn.

„OK“, sagte ich, „ich bin dabei. Macht sehr gerne, was Ihr wollt. Aber wo habt Ihr den Wodka hingestellt?“ Und nur wenig später hatten wir abgestimmt, die beiden Katzen und ich, feierlich der glorreichen, ruhmreichen und mitgliederstarken Russischen Schachföderation beizutreten. Und zwar mit dem gesamten Landesschachbund Bremen.


One man, one vote, one Landesschachbund

Nun könnte man sagen, hey, Ihr drei faschisto-durchgeknallten Russen, wie kann denn ein einzelner Schachspieler, der noch nicht mal besonders viel von seinem Spiel versteht, mit seinen beiden Katzen und insgesamt nur drei Stimmen über so einen Beitritt für den gesamten Landesschachbund Bremen abstimmen – da kann doch etwas nicht ganz richtig sein.

Außerdem haben die Katzen ja gar keine Spielberechtigung, weder für die Findorffer Schachfreunde noch für irgendeinen anderen Verein hier in der Hansestadt. Nimmt man es genau, dürften sie eigentlich gar nicht mit abstimmen.

Wladimir, bitte, vielleicht handelt es sich nur um einen Irrtum, und Ihr wolltet eigentlich nach Niedersachsen?

„заткни́сь! , schnauzte mich der Kommissar an, was für mich ein ganz klein wenig klang wie „Halt‘s Maul“. Mein Russisch ist ja nicht so gut, ähnlich wie mein Wissen um Turmendspiele.

„заткни́сь, genau so haben wir das in Luhansk und Donezk auch gerade gemacht, mein Freund. Und in Saporischschja und Cherson. Erst Volksabstimmung, dann Beitritt zu Russland. Aus unserer Sicht eine basisdemokratische Entscheidung, auch wenn die Hälfte der Einwohner schon längst vor uns ins Ausland geflohen ist. Und wir noch nicht mal das ganze Gebiet besetzt hatten.“

Wladimir grinste. „Dann bekommen wir so ein Referendum in Bremen auch mit nur 3 Stimmen hin, meinst Du nicht? Und mit nur einer einzigen eroberten Wohnung. Deiner.

Und übrigens, sage mir, Olaf … Du hast doch mit JA gestimmt, oder?“

Mir lief ein Schauer über den Rücken – so drohend wie Wladimir, den großen Igor und den Mann mit dem ratternden Gewehr hatte ich bisher nur wenige Menschen gucken sehen.

Glück für mich, dass auf dem Stimmzettel sowieso nur ein einziges Kreuz gesetzt werden konnte. Und auch nur ein einziges Kästchen aufgedruckt war. Mein „JA!“ war in der gläsernen Abstimmungsurne von außen schnell zu überprüfen. Und Katzen und Menschen, zusammen hatten wir zu hundert Prozent für den Anschluss an die russische Schachföderation gestimmt.

очень хорошо, sehr gut, dann wären wir hier fertig“ sah Wladimir sich erfreut um, um mir dann seine Faust abrupt in den Magen zu rammen. Kann das erlaubt sein, unter russischen Schachbrüdern? (Ich werde das mal im Moskauer Zentralbüro erfragen, wenn der Bremer Anschluss offiziell vollzogen wurde.)

Etwas leid tat es mir für Oliver Höpfner, den bisherigen und langjährigen Präsidenten des einst autonomen Landesschachbundes Bremen. Das war es wohl nun mit seinem Wirken und den schönen Bremer Blitzmeisterschaften – aufgefressen und verschlungen vom russischen Bärenreich. Ein trauriger Tag für die Hansestadt. Und Auswärtsspiele ab sofort in Tscheljabinsk.


Vorbei die schöne Zeit

Ob ich denn nun auch Mitglied der Sowjetischen Schachschule werden könnte, erkundigte ich mich, als die drei Russen schon gingen. Und gilt meine Deutsche Wertungszahl eigentlich weiter?

„Halt‘s Maul“, schimpfte Wladimir und schubste mich gegen die Tür, „wir haben es eilig und müssen heute noch nach Niedersachsen.“.

Aber vielleicht hatte ich ihn auch wieder nur falsch verstanden.

Spenden für den Landesschachbund Bremen für die SOS Kinderdörfer in der Ukraine

Slawa Ukraini!

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Olaf Steffens

Ich bin FIDE-Meister seit 1997 und spiele seit 2007 für Werder Bremen. Größte Erfolge: Landesmeister von Schleswig-Holstein 1994, Erster Deutscher Amateur-Meister 2002. Größte Misserfolge: Werd´ ich hier lieber nicht sagen! Diplom-Handelslehrer, ich unterrichte an einer Bremer Berufsschule Englisch, Buchführung und Wirtschaft. Lest weiter hier: https://veganeschachkatzen.de/ueber-mich/

Und sonst so?

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2 Comments

  1. Hey Schachfreund Körber!
    Vielen Dank – mit dieser etwas anderen Perspektive sieht das doch alles schon viel einladender aus.
    Nach Russland will ich dennoch nur sehr ungern, helfe aber gerne bei der Überstellung des Großen Wladimir vom Bremer Marktplatz auf den Rathausplatz von Kiew. Und dort können die Ukrainer dann überlegen, wie es weitergehen soll.

  2. Genosse Olaf,
    der anfängliche Schrecken, der Dich bei dieser letztlich schachhistorischen Begegnung zunächst ergriffen hatte, ist komplett nachvollziehbar. Umso beeindruckter bin ich, dass Du die Ruhe und Übersicht behalten konntest, um letztlich durch Deine Unterschrift den gesamten Bremer Schachverband in eine sehr wahrscheinlich glorreiche Zukunft zu führen. Und gerne vernehme ich die frohe Botschaft : wir Findorffer Schachfreunde sind auch dabei ! Unser Vorsitzender weiß es vielleicht noch nicht, wird aber in diesen zunächst sauer anmutenden Apfel beißen müssen.. Unterschrift ist Unterschrift .
    Übrigens dachte ich erst, die Geschichte wäre nur ein Spaß,
    eine gemeine Satire gar, aber die Sache mit dem Schlag in die Magengrube , nur so , wg. der Pädagogik , hat mich überzeugt. Der Russe ist so !
    Deine Stimme , da mach‘ Dir keine Sorgen, zählt und ist auf jeden Fall verbindlich für unseren gesamten Verband. Das hat was zu tun mit der vielzitierten kulturellen Aneignung : wer hat nicht schon die „Russische Partie“ oder das „Wolgagambit“ gespielt , aber stets “ vergessen „, zuvor vom Zentralkomitee in Moskau eine entsprechende Erlaubnis einzuholen ?! Heute zahlen wir als Wiedergutmachung für dieses koloniale Gehabe den verdienten Preis, der zudem keine Strafe darstellt , sondern auf lange Sicht unserem eigenen Wohl dienen wird . Aus diesem kleinen muddligen Verband wird ratzfatz Teil von etwas ganz Großem. Das hat was.
    Ich denke, Dein bereits deutlich gezeigtes Interesse für die Russische Schachföderation wird dort bald schon bemerkt werden und auf fruchtbaren Boden fallen, Im Kreml wird man uns nicht mehr schlicht ignorieren können. Dankbarkeit ist dort kein Fremdwort . Und dann laden wir Wladimir P., den Großen Wladimir, nach Bremen ein. Er wird zum Ehrenvorsitzenden ernannt, wir tanzen, wir verbinden ihm die Augen und widmen ihm zu Ehren einen Platz um , auf dem er die Binde dann – mit Tusch einer Militärkapelle – abnehmen darf . Der Bremer Marktplatz ist selbstredend zu klein, das wird noch abzuklären sein . Geht auch Kiew ?

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